Emilie Mayer, der „weibliche Beethoven“

Emilie Mayer (1812-1883) wird gerne als weiblicher Beethoven beschrieben, um die Bedeutung ihres musikalischen Schaffens zu beschreiben. Aber vielleicht ist es gerade falsch, ihr Talent in einem solchen Vergleich zu fassen. Denn über die Jahrzehnte ihres Wirkens stand viel zu oft der Vergleich mit den männlichen Kollegen im Mittelpunkt der Besprechung ihrer Werke. Emilie Mayer lebt in einer Zeit, in der auch in der Musik eine klare Rollenverteilung zwischen Mann und Frau herrscht. Bei Frauen wird gern gesehen, wenn sie ein Instrument spielen. Es wird ihnen sogar zugestanden, dass sie passable Hausmusik komponieren können. Aber die richtigen Komponisten, das sind Männer. Nur sie haben die Schaffenskraft für Meisterwerke. Unvorstellbar, dass eine Frau Komponistin wird. Sie hat einfach nicht die Anlagen dafür, das gilt in dieser Zeit als Gesetz der Natur.

Unbeeindruckt davon macht Emilie Mayer Komponieren zu ihrem Beruf, lernt bei Carl Loewe in Stettin und Adolf Bernhard Marx in Berlin. Im Adressbuch der beiden Städte lässt sie sich mit der Bezeichnung „Componistin“ eintragen. Sie komponiert Kammermusik genauso wie Orchesterwerke und ist eine gute Networkerin, die gezielt für ihre Musik Werbung macht. Und die Musikkritiker sind erstaunt. Viele können nicht glauben, dass eine Frau so etwas machen kann. In der Regel wird sie als große Ausnahme bezeichnet und man erhält den Eindruck, dass die meisten Kritiker bekannter Musikzeitschriften mehr Energie darauf verwenden, das traditionelle Frauenbild zu erhalten, als die Musik von Emilie Mayer zu besprechen. Deshalb ist es umso höher zu werten, dass vor allem in der zweiten Hälfte ihrer Schaffenszeit immer mehr Kritiker sich voll und ganz auf ihre Musik konzentrieren und nicht mehr zum Thema machen, dass sie eine Frau ist. Emilie Mayer erreicht zu ihren Schaffenszeiten einen bemerkenswerten Bekanntheitsgrad in ihren zwei Hauptwirkungsstätten Stettin und Berlin und darüber hinaus.

Nicht nur aufgrund ihres musikalischen Talents, sondern auch als berufstätige Frau aus dem Bürgertum ist sie eine Ausnahmeerscheinung. Durch das familiäre Erbe ist sie finanziell unabhängig, geheiratet hat sie nie. Geld verdiente sie mit ihrer Musik nicht. Im Gegenteil: die meisten ihrer Konzerte, vor allem in der Anfangszeit ihrer Karriere, organisierte und finanzierte sie selbst. Zudem hat sie viel Geld in den Druck ihrer Werke gesteckt, um diese weiter zu verbreiten und der Nachwelt zu erhalten. Die Nachwelt lässt Emilie Mayer jedoch erst einmal im Stich. Schon wenige Jahre nach ihrem Tod ist sie weitestgehend vergessen. Erst in den letzten zwei Jahrzehnten wird sie langsam wiederentdeckt und „Europas größte Komponistin“ (wie sie ihre Biografin Barbara Beuys nennt) hält wieder Einzug in die Konzertsäle.

(Autorin: Ina Skalbergs)

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